Willkommen auf der Homepage von Frank-Wolf Matthies

Vorab einige weiterführende Verweise:

Michael Meinicke: „Junge Autoren“ in der DDR 1975–1980, drei-Eck-Verlag, 1986; Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, München1985 (aktualisiert 2003); Petra Ernst in: Neues Handbuch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945, München 1993; J. Walther in Sicherungsbereich Literatur, Berlin 1996; Andreas Koziol in Bestarium Literaricum, Berlin 1991; Adolf Endler: Zu dem Band Von der Erotik des Zeiten vernichten in Druckhaus Galrev Programm Frühjahr 2002 und als Klappentext des gleichnamigen Gedichtbandes, Berlin 2002. Adolf Endler: Frank-Wolf Matthies - Kasperles Geheimnis oder Wörterbuch des Diagonaldenkens oder Der Zeitgeist alphabetisch sortiert in Geisterbahn 9, Berlin 2005. Günter Grass im Visier - Die Stasi-Akte. Eine Dokumentation mit Kommentaren von Günter Grass und Zeitzeugen, Berlin 2010 (Buch und gleichnamige CD), Autor Dr. Kai Schlüter. * Axel Reitel: Hilfsschule Bixley I und II (tabularasa, 23.3.2015) und Jürgen Serke: Eine Liebe auf den ersten Blick -Ein deutscher Dichter lernt tschechisch, um Ivan Blatný zu übersetzen (21.6.2017) nachzulesen unter Ivan Blatný: Hilfsschule Bixley & andere Gedichte - planetlyrik.de.

Die folgende Auswahl wurde freundlicherweise von Egmont Hesse vom DRUCKHAUS GALREV zur Verfügung gestellt

Zu Morgen

 

Das erste Buch des DDR-Autors Frank-Wolf Matthies

ist ein Beispiel für die Veränderung des Gesellschafts- und Literaturverständnisses der letzten Jahre. Die Gedichte und Prosastücke beschreiben die DDR-Wirklichkeit auf beeindruckende Weise. Im Spannungsfeld von Beziehungslosigkeit, Verbitterung, Ratlosigkeit und täglicher Verletzung vertritt dieser junge Autor das Lebensgefühl einer Generation, die nicht verantwortlich ist für vergangene Schuld, die nicht mehr bereit ist, das Bestehende zu akzeptieren, die anders leben will. Da gibt es keine Angebote, keine Kompromisse mehr, aber schmerzhaft genaue Beobachtungen. Unnachgiebig selbstbewußt und mit seltener Eindringlichkeit und Ehrlichkeit besteht Matthies auf Beendigung der Enttäuschung, und das gilt nicht nur für die DDR: „MORGEN werde ich mich aus dem sessel / erheben & zu der tür gehen, die mich herausbringt / aus der mitte des hauses, vorbei am geöffneten / balkon: sie wird meine hand nehmen mit der ihren / & sie legen in die andere: so werden wir es erreichen / den raum im großen traumhaus ständig zu betreten / indem wir ihn verlassen: frei von schuld: MORGEN“

Rowohlt Verlag, Klappentext, 1979

Friede, Gleichheit, Coca-Cola.

-„Diese Scheißangst, die mir Mut macht“: Das erste Buch eines DDR-Schriftstellers.-

Glück sei schwer in diesem „satten Land“. Er schreibe, bekennt der Lyriker, „für die rebellische jugend“, die sich austobt bei Rock-Konzerten, „die arbeitet & lernt & / die sich langweilt an / den straßenecken & den öffentlichen / plätzen der stadt, den jugend / clubs & vor den fernsehgeräten / in den wohnstuben ihrer eltern / (die sich ihre sprachlosigkeit / vorschweigen) & für ihre liebe & / für die rolling stones“.

Diese Verse beschreiben nicht etwa bundesdeutsche Realität. Frank-Wolf Matthies’ Gegenstand ist die DDR, in der er lebt. Geboren 1951 in Berlin, war er nach Abschluß der mittleren Reife als Kunstschlosserlehrling, Bankhilfskraft, Reichsbahndispatcher, Hilfsschuster, Grabenzieher und beim Fernsprechamt tätig. Wegen „staatsfeindlicher Hetze“ befand er sich in Untersuchungshaft, anschließend Wehrersatzdienst als Bausoldat. Seit 1977 lebt Matthies als freiberuflicher Schriftsteller in Ostberlin.
Sein erstes und bislang einziges Buch –

Frank-Wolf Matthies: „Morgen – Gedichte und Prosa“: dnb 122, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck, 1979; 156 S., 10,-DM

Konnte nur in der Bundesrepublik erscheinen, denn in der DDR hat Matthies Veröffentlichungs- und Lesungsverbot. Schon wieder einer dieser gebeutelten Schriftsteller, die, bloß weil sie den „realen Sozialismus“ an seinem eigenen Anspruch zu messen wagen, stillgelegt werden?

Mit Matthies meldet sich eine neue Generation von DDR-Oppositionellen zu Wort, in einer Sprache, die derjenigen ihrer westlichen Altersgenossen nicht unähnlich ist. Bereits das Motto des Buches: „Denn nichts als Verzweiflung kann uns retten“ (ein Grabbe-Zitat) drückt eine vielen jungen Menschen gemeinsame gesellschaftliche Erfahrung in den späten siebziger Jahren aus. Frei von historischer Schuld, daher verständnislos und voller Wut beobachten sie das Staatstheater der Herrschenden, und es ekelt sie an. Sie wollen anders leben, sich nicht länger im Dienst des angeblichen Fortschritts verplanen, reglementieren, einsperren lassen, und so klagen sie ihr Recht auf Selbstverwirklichung und Glück aggressiv ein. Jenseits der Frage nach ihrer literarischen Qualität erscheinen mir Matthies Verse bedeutsam als eine Art soziales Porträt von Teilen der DDR-Jugend. Die Repression wird nicht mehr als „historisch notwendig“ legitimiert oder vorsichtig befragt (mit der Bitte, sie doch ein wenig humaner zu gestalten), sondern heftig angegriffen.

Die Gedichte und Prsosastücke dieses Bandes sind innerhalb von zehn Jahren entstanden und chronologisch angeordnet. Man könnte sie unter die auch in der Bundesrepublik wirksame Erziehungskurve fassen: Wie einem Optimismus und Lebensfreude ausgetrieben werden; oder: Wie einer unter dem Druck kruder Verhältnisse, gezwungenermaßen, sich politisiert. Noch zu Anfang, 1969, klingen Matthies’ Verse locker, harmlos, spontan. Jugendliche hocken im Arbeiter- und Bauernstaat beisammen, sprechen über Mao und LSD, hören Zappa, sie sind nicht besonders arbeitsam, nicht begeistert für den Staat, sie deklamieren „friede gleichheit coca cola“ und finden die Erwachsenen mit ihren feierlich verlogenen Gesichtern ziemlich komisch. Es sind die provozierenden Gesten der weltweiten Jugendrevolte, der Rock-Musik; unbefangen zupackende Verse: „he, ich bin der glücksgott / der kriegsgott bin ich auch / mit mir ist gut weintrauben / essen, he, ich bin der glücksgott.“

Bis 1973 schreibt, Matthies gereimte, liedhafte Texte, freche Moritaten, gebildet aus grotesken Reihungen, wie man sie etwa bei Lyrikern zwischen Expressionismus und Dada findet, bei Alfred Lichtenstein oder Jakob van Hoddis. Und wie sie besingt Matthies den Wechsel der Jahreszeiten in der geliebt-gehaßten Großstadt: „der frühling ist da. / die knospen platzen- / auf den mietskasernen / pfeifen massig spatzen. / ich schrei gedichte ich singe lieder- / hier ist frühling / der winter kriegt den nicht wieder.“

1974 beginnt Matthies’ Gedichten ein immer lauter werdender Protest gegen das allgemeingegenwärtige Kontrollsystem, gegen die Privilegien der Bonzen und Mitläufer, anfangs noch in metaphorischer Verkleidung, als unbestimmte Wut auf die „kälte“ der Stadt und ihrer Bewohner, in teilweise mißglückten Bildern, wenn etwa von den „betonierten schamlippen“, dem „stahlbetonglied“ der Stadt die Rede ist. Das Angstmotiv durchzieht von nun an Matthies‘ Verse, wie es sein Leben prägt: „die angst zwingt mich / zu feinerem stil – sie zwingt / mich in die metaphern / sie zwingt mich auch / formal – die angst, sie / ist für mich produktiv.“

Produktiv in der Weise, daß die Angst („diese scheißangst / die mir mut macht“) dem Autor hilft, die Dinge so zu sehen, „wie sie wirklich sind“. In einem „Nachtrag ins Vernehmungsprotokoll“ überschriebenen Gedicht formuliert Matthies eine Art Bekenntnis. Er schreibe „für die benutzer der betonsilos“, für die „wohnungssuchenden“ wie für die „6-zimmer-besitzer“, auch „für die parasiten beim / wohnungsamt, in den büro-palästen: die deutsche / beamtensau“, für die „feisten NEUEN DEUTSCHEN LITERATUR-verwalter“, „für die beamten der DEUTSCHEN VOLKS / POLIZEI … die jeden zweifel / in feindschaft umdeuten / & jede kritik in verrat“ – für sie alle schreibt er nun mit der Angst und dem Mut „des sich im unrecht wissenden“.

Neben explizit politischen Gedichten macht er weiterhin einfache Lieder, gereimte Unsinnspoesie, Wortspielereien, Figurenporträts (so eines über den verehrten Günther Bruno Fuchs, dessen Figur, in dichter, rhythmisch verknappter Sprache, aus Sätzen und Redewendungen entsteht), Tierparabeln, ein Rätselgedicht, dessen Lösung, aus den Anfangsbuchstaben der Verse gebildet, „WOLF BIERMANN WIEDER SINGEN DARF“ lautet. Es gibt Gedichte, die – nach Préverts Vorbild – in der puren Aufzählung von Gegenständen bestehen. Und es gibt schließlich fast hermetische Verse, deren Bildlichkeit an Trakl und Benn orientiert scheint. Dabei wirkt Matthies hilflos, in konventioneller Metaphorik und forcierter Künstlichkeit befangen.

Fast durchgängig verstößt Matthies, einzelne Worte und Sinneinheiten durch Zeilenbruch zerhackend, gegen das „schöne“ Gedicht. Wo die Sprache unpoetisch und der Rhythmus holperig wird, scheinen die zerstörerischen Bedingungen, unter denen der Autor lebt, bereits in die Struktur seiner Texte eingedrungen zu sein, Verhältnisse, die – ähnlich wie bei Peter Paul Zahl – so etwas wie Ruhe, also Poesie nur noch ausnahmsweise (etwa als Zitat vergangener Kunstformen) erlauben.

Folgt man dem Ablauf der Gedichte, so scheint sich die Lebenssituation Frank-Wolf Matthies’ 1976 weiter zu verdüstern. Überall Schnee, Eis, Sturm, der „unsere lieder überbrüllt“. Aber auch Widerstand gegen den „langsamen tod“, Anklage im Stil Villons, mit zupackenden, gehackten Sätzen:

zwölf hände reichen,
nicht mehr aus zu zählen
den abgang in den eignen
reihn. Die republik läuft aus
wie rostige spritkanister
: bald bin ich hier
mit honecker
allein

Widerstand gegen Gewalt von oben, Kampf gegen Resignation und Verzweiflung – ein beunruhigendes, in seiner subjektiven Konsequenz erschreckend mutiges Buch. Es zeugt von der Verzweiflung des Vereinzelten, die die Mächtigen nicht wahrhaben wollen und die die staatsloyalen Poeten mit schäbigen Ergebenheitsadressen zuzudecken versuchen. „die federn fallen aus / & überall ist neues deutschland.“ Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen sozialen und historischen Bedingungen scheinen mir Matthies’ Texte, bis in stilistische Mittel hinein, den frühen Gedichten Enzensbergers vergleichbar, mit denen dieser stellvertretend für seine Generation gegen Erstarrung und Hoffnungslosigkeit in Adenauers Staat rebellierte.

Michael Buselmeier, Die Zeit, 16.11.1979

Für die Benutzer der Betonsilos.

-Texte aus zehn Jahren: „Morgen“.-

Ein DDR-Autor nach dem anderen verläßt das Land. Die Zahl derer, die dem ersten „Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“ seit Biermanns Ausbürgerung im November 1976 für immer oder auf Zeit Valet sagten, ist immer noch im Steigen begriffen. Wer bleibt denn noch und gibt Auskunft, nachdem Jurek Becker und Thomas Brasch, Jürgen Fuchs und Bernd Jentzsch, Sarah Kirsch und Reiner Kunze, Günter Kunert und Hans Joachim Schädlich, Klaus Schlesinger und Bettina Wegner sich im Westen niedergelassen haben, ob mit, ob ohne Besuchsrecht im Osten?

Gewiß, es gibt noch immer eine stattliche Anzahl von respektablen Schriftstellern drüben: Adolf Endler und Franz Fühmann, Stefan Heym undRichard Leising, Rainer Kirsch und Karl Mickel, Heiner Müller und Stefan Schütz, Anna Seghers und Christa Wolf. Freilich gehören sie alle der mittleren oder älteren Generation an und genießen auf Grund ihrer Publizität auch unter den verschärften Strafgesetzen eine gewisse Protektion.

Was aber ist mit den jüngeren, den 20- bis 30jährigen. Schreiben sie überhaupt, und wenn ja, was taugt es? Hat die konsequente sozialistische Ausrichtung von Kindergarten, Schule, Universität, des Berufs wie großer Teile der Freizeit den neuen Menschen- und Autorentypus hervorgebracht, der blind auf die Parteidoktrin schwört? Gewiß, es gibt sie, die „jungen Poeten, die ihren Weltschmerz in die Poesiealben der verordneten Meinung kotzen“, die „flüsternd und heldenhaft alle offenen Türen eintreten“. Es gibt sie, die Bewohner der neuen „sozialistischen Gartenlaube“, die „Kaputtgeförderten“, die „Wasserleichen der Lyrikwelle“.

Aber es gibt auch noch ein paar andere. Einer von ihnen ist Frank-Wolf Matthies, 1951 in Berlin geboren. Er hat wie mancher andere Autor eine bunte Palette von Berufen aufzuweisen: Kunstschlosserlehrling, Bankhilfskraft, Hilfsschuster, Grabenzieher. Früh hat er zu schreiben begonnen „Unbedacht oder überlegt“ ging er umher in der Stadt und sagte halbe Sätze, etwa: „ Mit ihren Trommeln antworten sie auf eure Frage, mit ihren Gewehren zerschießen sie euch, wenn ihr handelt wie die, die ihr seit nach ihren Worten.“ So beschreibt Hans Joachim Schädlich in seinem Text „Kleine Schule der Poesie“ die Anfänge von Frank-Wolf Matthies, die ihn schnurstracks in die Untersuchungshaft führten.

Jung wie er war, widerstand er den ausgeklügelten Methoden des Staatssicherheitsdienstes, seinem wohldosierten Terror nicht und paßte sich nach seiner Entlassung eine Weile an. Dann aber begriff er, daß auch er in den „Gleichklang gekrümmter Stimmen“ einfiel und daß er damit seine Sprache verlor, seine intellektuelle und moralische Existenz aufs Spiel setzte.

Die in dem Band „Morgen“ versammelten Texte aus zehn Jahren sind in der Tat das Wort einer neuen Generation. Die 40-, 50-, 60jährigen messen den Zustand der DDR an der Not der Weltkriegsjahre, am Terror der Hitler- und Stalinzeit, und im Vergleich dazu erscheint ihnen manches eigentlich Unerträgliche in einem allzu milden Licht. Autoren wie Matthies sind im „realen Sozialismus“ aufgewachsen, aber nicht mehr bereit, die Schwächen und Verbrechen der Gegenwart mit dem Hinweis auf schlechteres Irgendwann, Irgendwo zu entschuldigen: „Ich schreibe für die Benutzer der Betonsilos am Röderplatz, der Leninallee und des Hans-Loch-Viertels. Für die Bewohner der Dachwohnungen von Pankow bis Friedrichshain, die Wohnungssuchenden und die 6-Zimmer-Besitzer. Auch für die Parasiten beim Wohnungsamt, in den Büropalästen: die deutsche Beamtensau in vollklimatisiertem Chrom und Glas. Auch für die Kuppler beim Standesamt. Die Hehler der kommunalen Wohnungsverwaltung.“

So lautet ein Teil seines poetischen Kredos, das er als „Nachtrag ins Vernehmungsprotokoll“ seinen „besorgten Genossen Besorgern“ widmet. Er schreibt „über die Jahreszeiten. Über den Frost und den März in Pankow und Prenzlauer Berg“, er schreibt „für die Beamten der deutschen Volkspolizei … die jeden Zweifel in Feindschaft umdeuten und jede Kritik in Verrat“. Das Programm dieses jungen Schriftstellers ist in der Tat das ganze Leben, ohne Einschränkung, ohne Tabus.

Liebeslyrik und Naturgedichte, Stadtlandschaften und politische Pamphlete – das alles findet sich bei ihm und zudem in großer formaler Vielfalt. Matthies reimt und er schreibt freie Verse, er ahmt das Taumeln eines betrunkenen Dichters im Zickzack der Typographie nach, und er bastelt sogenannte Akrosticha. Verse, deren Anfangsbuchstaben, von oben nach unten gelesen, ein Gedicht im Gedicht ergeben. Solche Dinge kennt man auch aus Shakespeares Dramen und aus dem Barock. Bei aller politischen Absicht ist hier auch die Lust am Spiel vorhanden. Jedes Gedicht ist anders. Man hat sich auf jedes neu einzustellen.

Ob Matthies diese Variationsbreite durchhalten kann und soll, steht noch dahin. Manches ist erst tastender Versuch auf dem Weg, den eigenen Stil zu finden. Aber nicht weniges ist fertig, ja vollkommen und den Preis wert, den ihm die Strafbestimmungen der DDR abverlangen könnten. Nirgends hat Matthies seine Hoffnung auf morgen bündiger zusammengefaßt als in diesen sechs Zeilen:

Wenn die Nachfrage steigt
steigen auch die Preise
Der Preis der Freiheit steigt
wenn die Nachfrage sinkt
Doch wenn alle nach ihr fragen
ist sie umsonst zu haben

Dieses aus dem Jahr 1976 stammende (und Wolf Biermann gewidmete) Gedicht ist auf seine Weise schlüssig und logisch. Freilich, was im Klassenkampf zählt, ist nicht die Logik, sondern die Dialektik. Und das bedeutet leider, daß der Preis der Freiheit in den letzten vier Jahren weiter gestiegen ist, obwohl die Nachfrage kaum gesunken sein dürfte.

Karl Corino, Hannoversche Allgemeine, 26./27.4.1980

 

Zu Patricia im Winter

Im November 1980

wurde der Ost-Berliner Autor Frank-Wolf Matthies inhaftiert, und es wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen den § 219 des DDR-Strafgesetzes gegen ihn eröffnet, d.h. wegen Veröffentlichungen im Ausland, „die geeignet sind, den Interessen der DDR zu schaden“. Gegenstand des Verfahrens war u.a. Matthies’ Manifest „Auf der Suche nach Herrn Naumann“, ein beeindruckendes literarisches Dokument der Anklage gegen das Klima der Unterdrückung und Verfolgung in der DDR. Es eröffnet nicht von ungefähr den vorliegenden zweiten Gedichtband von Matthies. Kompromißlosigkeit und Verzweiflung – Haltungen, die die Kritik seinem ersten Gedichtband „Morgen“ bescheinigte – gelten allemal für diese 1979 und 1980 entstandenen Gedichte. Sie zeichnen sich durch eine (für bundesrepublikanische Lyrikverhältnisse) ungewöhnliche Formenvielfalt aus, vom Moritatenton zur Liedkontrafaktur, vom Zweizeiler zum reihenden Langgedicht, von der gebundenen Form zum Prosagedicht. Mit dem virtuosen Gebrauch der lyrischen Formen steht Matthies in einer Tradition von Lyrik, die unter Bedingungen von Angst und Unterdrückung die formale Contrebande gegen die Staatsgewalt setzte. In jeder Form sind aber der Zorn und die Empörung spürbar, der Gestus der Anklage gegen Korruption und Anpassung sowie das Einklagen von Glück.

Rowohlt Verlag, Klappentext, 1981

Deutschland im Winter.

Als im Mai 1979 Matthies’ erstes Buch („Morgen – Gedichte und Prosa“) erschien, da lebte der Autor noch in Ost-Berlin. Im November 1980 dann wurde er inhaftiert, wegen Veröffentlichungen im Ausland, „die geeignet sind, den Interessen der DDR zu schaden“; ein Ermittlungsverfahren wurde gegen ihn eröffnet. Im selben Jahr erschien sein zweites Buch, ein Band mit Erzählungen. Seit Oktober 1981 nun liegt seine dritte Veröffentlichung vor, wiederum Gedichte (und Prosastücke, „Manifeste“ genannt, die der Verlag im Untertitel verschweigt). Im Januar 1981 erhielt Matthies die Ausreisegenehmigung und lebt seither im westlichen Teil Berlins.

Dies sind die biographischen Hintergründe einer Schriftstellerexistenz, wie sie in den letzten Jahren so manche DDR-Autoren aufzuweisen haben. Und diese Hintergründe sind es, welche die Feuilletonchefs und Leiter der Verlagsabteilung „Werbung“ konsequent, wenn nicht rücksichtslos ausschlachten, wenn es darum geht, neue Bücher der betreffenden Autoren auf dem Markt durchzusetzen.

Oft jedoch erweisen sich die Werke selbst als weniger publikumsträchtig, als viel weniger aufregend als die nackten biographischen Daten. Nicht so im Falle Frank-Wolf Matthies: sein bisheriger Lebensweg ist nicht bloß billiges Mittel zum Zweck, sondern der ganz konkrete Ausgangspunkt seiner literarischen Arbeit. Matthies’ subjektive Erfahrungswelt liefert ihm das Material für Texte vielfältigster Formen und Inhalte.

Matthies’ Verse, das sind Bilder der Angst, der Ratlosigkeit, der Verbitterung; die Waffen, mit denen er sich gegen Unterdrückung, Resignation und Verzweiflung wehrt, sind sein schier grenzenloser Mut, seine Hoffnungen, sein entlarvender, hintergründiger Humor, der die herrschenden Zustände nicht selten ins Absurde, Groteske steigert. Wenn es im Manifest „Auf der Suche nach Herrn Naumann“ etwa heißt: „… also kommen da plötzlich Zwei & installieren einen Fernsehapparat, was genauer heißt: Einer arbeitet & der Andere versucht unterdessen mit mir über die Qualität des „Neuen Deutschland“ zu diskutieren. Nach einer Stunde sind die 50 Gramm RONDO-Kaffee, welche in aller Eile von Frl. Elvira C. beschafft wurden, gemahlen, aufgebrüht & getrunken. Wenig später sind auch die beiden Telefonanschließer verschwunden – ein Freund betrachtet das Telefon gründlich & findet so ein kleines elektronisches Dingsda“, so sagen diese Zeilen erheblich mehr über den DDR-Alltag aus als alle Klischees, die hierzulande kursieren.

Authentizität durch Bruchstücke Realitätspartikel der abendländischen Konsumkultur: die Surrealisten werden zitiert, Werbeslogans halten her, Pollux, Rilke, Adolf Hitler, Patricia, des Dichters Geliebte, der preußische Dagobert Duck und viele andere illustre Köpfe mehr geben sich ein feucht-fröhliches Stelldichein, und zwischen den Zeilen, auf dem Weiß der Blätter, reimt sich zusammen, was dem Autor unter den Nägeln brennt, was seinen Zorn, seine Empörung, seine Kritik heraufbeschwört. Ob in Zweizeilern, Langgedichten oder Moritaten, ob in Liedform oder im Märchenstein, Matthies knüpft vielfältigste Assoziationsketten, setzt Bezugspunkte, skizziert mögliche Handlungsvarianten und bietet dem Leser genügend Freiraum für eigene Überlegungen.

Der berühmt-berüchtigte Deutsche Herbst von 1977 gerät so langsam in Vergessenheit, doch das (allgemeine) Klima hat sich keineswegs verbessert. Nicht nur in diesen Gedichten ist es Winter geworden, Frost und Kälte sind längst nicht nur mehr Kräfte der Natur; eine eisige (Jahres)-Zeit steht uns bevor, vielleicht trösten Matthies’ Gedichte über manches Unbehagen hinweg.

Georges Hausener, Letzeburger Journal, 5.12.1981

 

FRANK-WOLF MATTHIES ADRESSEN AUS DEN HEFTEN FÜR PATRICIA

 Zwischen den Stühlen

Frank-Wolf Matthies, Jahrgang 1951, gehört zu jeden Autoren, denen es auferlegt ist, zweimal einen Anfang zu machen. Dort wo er herkommt, zur Sprachlosigkeit verurteilt und hier, eine neue Sprache zu finden. Ein Mann zwischen den Stühlen mit dem Gepäck von gestern, und das wiegt schwer.

Seit Anfang der siebziger Jahre setzt sich Matthies mit dem Leben in der DDR literarisch auseinander. Sein kritischer Blick und seine Ehrlichkeit brachten ihn schon früh in Konflikt mit dem herrschenden System. Nach mehreren Verhaftungen, alle Aufzeichnungen wurden vom MfS beschlagnahmt, verlässt er 1981 das Land, das seine Entwicklung so sehr geprägt hat. Den Rücken gebeugt von dieser Last, seine Manuskripte und Aufzeichnungen nur noch im Kopf, geht er seinen Weg in das andere Deutschland.

Angekommen in der „neuen“ Welt schreibt er „- durch den Briefschlitz nicht zu hindern / Feindesland in Muttersprache drückt mir sacht die Kehle zu / und kein Trost in stummen Händen eingefangen von der Fremde bin ich krank vor kalter Sehnsucht-„.

Ist in diesen Zeilen, wie auch in anderen Gedichten vom Anfang der achtziger Jahre noch die Gebrochenheit des DDR Alltags zu spüren, so wandelt sich dies zunehmend. Matthies beginnt, sich mit der Mediensprache auseinanderzusetzen, immer im Bezug auf konkrete Anlässe. Dabei hat er den Einzelnen im Blick, vermeidet es konsequent zu pauschalisieren.

So schreibt er: „In der Nacht zum 14. Januar steht der 25jährige Hans-Georg Schulz auf dem Autobahnparkplatz / Richtung Kassel / mit zwei geladenen Pistolen / auf irgendwas wartend / bis er Scheinwerfer sieht: / „Ich wartete / bis er ihn drin hatte / dann drückte ich ab“

Die Auswahl der Gedichte dieses Bandes zeigt den Weg eines Menschen, der jegliche Scheinheiligkeit verabscheut, der wachrütteln will, der etwas zu sagen hat, der immer zur Veränderung drängt, indem er uns den Spiegel vorhält. Ein Skeptiker und Mahner – er bleibt kein neutraler Beobachter, sondern wird zum mitfühlenden Partner. Ein Grund, dieses Buch zu empfehlen. „Die Angst, ein täglicher Begleiter – was morgen wird, sie hats erdacht; / und dennoch weiter, weiter... / die Augen zu und laut gelacht. / Nur nicht zögern, nur nicht zagen – wer verzagt / geht auch schon unter; stets von neuem muß ich’s wagen / wenn auch schaudernd munter, munter...“

Christian Scherfling Neues Deutschland 10.12.93

  

FRANK-WOLF MATTHIES VON DER EROTIK DES ZEITEN VERNICHTEN

Grölend wie lispelnd, rasant wie bedächtig, schmissig wie zögerlich, rauh und nicht minder sanft, o.k! Trotzdem, was bedeutet solche Akkumulation unterschiedlichster Gedichte – und einige von ihnen gehören zu den beachtlichsten der letzten Jahre –, was soll es uns sagen, soll es uns vielleicht sogar verhöhnen, wenn einer an einem einzigen Tag, nämlich am 10. April 2000 nicht weniger als 7 Gedichte entstehen läßt (und es nicht verbirgt, sondern mittels Datierung hervorhebt), an einem anderen 4, an einem weiteren „nur“ 3; etc.? Mit einem (etwas langen) Satz: Wie all die tollen Bücher und Büchlein von Frank-Wolf Matthies stellt auch dieses für den Leser wie für den Kritiker eine ganz schön gepfefferte Herausforderung (bzw. Zurückweisung) dar wenn auch auf die ziemlich singuläre Weise dieses Mannes, die freilich trotz des besten Willens unseres Autors nicht verhindern kann, daß wir hier eine nicht kleine Zahl von Texten finden, denen wir von Zeit zu Zeit wiederbegegnen möchten, zum Beispiel dem langen Gedicht „Wildau im September“, dem vermutlich bisher trefflichsten, poetischsten Werk zum Thema „Nachwende-Osten“, daß indessen auch unter den 7 Gedichten verschiedener Gewichtigkeit vom 10. April 2000 kein einziges sich finden dürfte, dessen der Autor sich schämen müßte! Und überhaupt: Dieser wüste Vater-und Mutter-Ubu-Spezialist in den märkischen Forsten, im wunderbar „besungenen“ Friedrichsthal hinter Oranienburg, die Welt und den „Zeitgeist“ bespuckend; lobend aber die arme Pfütze vorm Häuschen... usw.; nein, ich will es auf eine Reihung von Formeln nicht ankommen lassen, keine träfe ganz. Auch als späten „Beatnik“ (Gerrit-Jan Berendse) würde ich ihn nur im äußersten Notfall bezeichnen. (Was diesen Punkt betrifft, käme eventuell als eines der Beweismittel das „Gelegenheitsgedicht auf eine alte Jacke“ in Betracht.) Nein, ich habe nicht die Absicht, hin und her irrend endlich die einleuchtende Formel zu finden, die die Leistung von Frank-Wolf Matthies faßt (erfaßt). Vielleicht darf man aber dennoch so zusammenfassend wie vage sagen: Es ist die konvulsivische Widerborstigkeit der matthiesschen Existenz schlechthin (inclusive seines vielfältigen Werkes, das sich jeder geschmeidigen Plakette widersetzt. Wer trotzdem solche Plakette bosseln könnte, würde mit Sicherheit alsbald einen Strich durch seine glatte Rechnung gemacht bekommen – und so geht es in dem vorliegenden Band von Phase zu Phase, oft von Gedicht zu Gedicht – und zwar unter Umständen so rabiat, daß mancher eher geneigt sein wird, die Beziehungen zu dem Herrn und seinem Werk abzubrechen. Anders ausgedrückt: Vor allem den besseren Sammlern ist zu empfehlen, alles zusammenzusammeln, was unter dem Namen Frank-Wolf Matthies publiziert oder nicht publiziert worden ist; vorher sollte man sich eine nicht zu winzige Schatztruhe kaufen.

Adolf Endler Berlin, d. 23. 08. 2001 (aus dem Galrev Katalog)

 

Frank-Wolf Matthies, der andere mit der kleinen Besonderheit, ist ein bedeutender Heimatdichter unseres Ostens. Von der Erotik des Zeiten vernichten heißt sein neuer Band. In hohen Tönen lobt Adolf Endler Vielfalt, Vielform und Vielstimmigkeit des matthiesschen Werkes: „grölend wie lispelnd, rasant wie bedächtig, schmissig wie zögerlich, rau und nicht minder sanft...“ Und das lange Gedicht „Wildau im September“ ist ihm „das vermutlich bisher trefflichste, poetische Werk zum Thema ‚Nachwende Osten’...“ Da will man sich nicht einmischen. Wildau, im Berliner Umland, dort lebt Matthies, Kontenführer, Reparatur-Schuster, Dispatcher, Kellner, Taxifahrer, Leichenwäscher, Kameraassistent, Grabenzieher, Bausoldat, Eisverkäufer, Filmvorführer... Verhaftungen, Bedrückungen. Ach ein leichtes Leben hat der nie gehabt. Heute:

„Was ich im Leben bin, läst sich schnell sagen: ein Einsiedler zu sechst – mit meiner Frau, unserem Hund, der Katze und zwei Kaninchen – der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, nicht, oder nur sehr selten mit seinen Zeitgenossen zu verkehren...“ „Und wir zwischen / den Sesseln und / Stühlen: / mit nichts als / Gefühlen - / zerbröckelt, verbetoniert, / gestöckelt..., heißt es in „Mühlen“.

So bittersüß Matthies’ Exkursionen in Restnatur und Restleben im Datschenland sind, wie von weit her die alten Dichter-Träume von der feuchtschimmernden, bestiegenen, heilenden Frau, hier wird er aus anderen Gründen dringlich ins Feld geführt: Matthies knittelt in rüden, rücksichtslosen Versen die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse nieder, und das ist wie wieder atmen dürfen, nach all den Windungen und Sedierungen mit Niveau der Bildungsboheme und dem Plätschern im Entlegenen. Es ist eine Frischluftdusche und es tut so gut, weil es Zeit ist: „Bewusstsein muss wieder Bürostunde haben!“ Mindestens.

Ein Arsch muss wieder ein Arsch genannt werden, die Globalisierungswichserei ein alter verkommener Dreck, kapitalistisches Rasen, Mercedes-Sterne in Mitte zu ernten und sie umgeschmolzen über Bethlehem leuchten zu lassen, eine Ehre; „die Mitte“ sei wieder ein Loch und das Dauergrinsen muss aus den Zähnen geschlagen werden! So steht es geschrieben. Schon verhöhnt uns ja die zarte Weltneuheit: „Ein kleines Bewußtsein und ein großes Bewußtsein liegen mit ihren Füßen im Waldmoos...“ („Der Ablaß“)

Böller aus der Matthies-Kanone: „... Die mächtigen Freunde in Übersee/ wann immer ich mir die News in meine vier Wände hole / Immer nur Grinsen / Grinsen und Kriege um Kohle / Das Leben ist wie ein einziges Schmieren- nein Grinsetheater / jetzt grinst der Sonnyboy / vorher grinste der Vater / Ich versuche erst gar nicht nach oben zu linsen / muß ich doch fürchten: auch da oben ein Grinsen...“ („Alles Prima“) „... Wie eh & je. Dieselbe Tristesse wie / im 20sten Jahrhundert, im 2ten Jahrtausend, // dieselben blöden Arschgesichter, dieselben / in den Fernsehnachrichten, dieselben verlogenen // Sprüche aus den grinsenden Löchern in / Denselben blöden Arschgesichtern über denselben // Titten, oder aber den adretten Krawatten / Derselben Strolche aus Kunst & Politik, alles // Wie gehabt: der fabrikneue Müll der Versandhaus- / Kataloge, das Narrengedudel der Hitparaden, die // Allgemeine Verblödung, die Sehnsucht nach / Vermassung, nach lustloser Spaßgemeinschaft, // Gestank, Geflimmer, Gefotze (‚Schröder die Fotze’ // Gesprächsfetzen, vorbeigeweht, am halboffenen / Autofenster, Oranienburg, Vorortnachmittag, vorbei // Die Zeiten, da Arschloch noch kein // Kompliment und Fotze nur uns beide was / Anging, von einem Staatstrolch mindestens // Soweit entfernt, wie die beiden Enden / Von Dantes Wanderung) ...“ (21stes Jahrhundert“)

„... Der / Tellerrand ist / der Tellerrand. Wer aber / Klimmzüge machen muß / darüber hinweg zu / blinzeln, der ihn nicht hoch / kriegt und sich nicht / hoch kriegt, der kann nicht / zugleich in der Mitte sein. Aber / dann ist doch Deine Mitte gar nicht / die Mitte, dann ist doch da eine / und da eine und da / vielleicht auch noch eine / höre ich schon den coolen Mr. Cool / zwischen zwei Geldbündeln / einwenden. Genau so / die Mitte des Bürgerrechtlers / ist das Arschloch / das seine Rentenbescheide / ausscheißt und die Mitte der netten / Psychologin ist da wo Chiquita ein & aus geht und die Mitte / all der Stasi-Enttarner ist ein riesiger Scheißhaufen aus Zelluloid / Bunkerbeton und muffigen / Erinnerungen...“, sagt Matthies und steckt seinen Ringfinger in die Saftmitte von Kim Carnes („Ihr da, an den Rändern“). „Ich wünschte“, wünscht Matthies, „Gott griffe zum Telefonhörer, nachts halb drei... Hör zu, nimm Deinen 38er und geh los“ Wer wünscht das nicht.

Kommune 5/2002

 

FRANK WOLF MATTHIES AENEIS

Wie einst Ginsberg kündigt Matthies im aggressiven Ton seine Aversion gegen den anonymen Moloch Staat an. Die an Hofmannsthals berühmten Chandos-Brief (1902) erinnernde, von vielen seiner Generationsgenossen in der Prenzlauer-Berg-Szene heraufbeschworene Sprachkrise bleibt bei ihm jedoch aus. Statt dessen verfeinert er seine sprachlichen Agitationen in der Form politisch-engagierter Klartexte, nistet sich in der kulturpolitischen Ruine ein und erklärt den Ostberliner Stadtbezirk zum »Freistaat des Skurrilen«. In den Texten, die er in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre schrieb, treten Matthies´ fiktive Figuren – ins Handgemenge der Macht geworfen – als Sprachrohr ihres Schöpfers auf. Dabei bietet sich die Arena der Subkultur als Verstärker seiner Stimme an. Urbanität, Mobilitätssucht, Hedonismus und Außenseitertum bestimmen die Szenerie, in der immer wieder der Beat-Habitus glorifiziert wird. Der Dialog mit der Literatur der nordamerikanischen BeatGeneration findet jedoch selten direkt statt. Die meisten intertextuellen Korrespondenzen sind aus zweiter Hand, d. h. angereichert von jenen Schriftstellern aus Ost und West, die als deutsche Vermittler des Beat bezeichnet werden. Insbesondere die Wahlverwandschaften mit Wolf Biermann, Adolf Endler und Rolf Dieter Brinkmann sind prägend für das Schreiben von Frank-Wolf Matthies.

Die Brisanz der Matthies´schen Poesie und Prosa liegt nicht so sehr in der epigonalen Tugend, sondern vielmehr in der Hartnäckigkeit, mit der der Autor sein Sujet durch die Jahre hindurch präsentiert. Dabei hat er nur ein Thema: Prenzlauer Berg. Auch nach seinem »freiwillig-gezwungenen« Umzug nach Westberlin im Januar 1981 klammert er sich an die Beschreibung bzw. Simulation dieses Topos fest. In der Zeit nach dem existentiellen Bruch, als er die Ahnung des Subkulturellen wenigstens fiktiv wiederzubeleben versuchte, manövrierte sich dieser Ost/West-Beatnik außerhalb des Rahmens jedweden literarischen Kanons.                    

 gerrit jan berendse(aus dem Programmheft Galrev)

 

Der Prenzlauer Berg ruft

Frank-Wolf Matthies sendet eine letzte Botschaft aus dem Viertel

Zu den frühesten Botschaften, die das lesende Publikum im Westen vom Prenzlauer Berg erreichten, gehörten die Rowohlt-Bändchen „Morgen“ (1979) und „Unbewohnter Raum mit Möbeln“ (1980) mit Prosa und Lyrik von Frank-Wolf Matthies. Ihre Tonart – aggressiv, ironisch, phantastisch – war so vielversprechend, daß sein erstes größeres Prosabuch nach seiner Übersiedlung in den Westen, das „Tagebuch Fortunes“ (1983) in der Edition Suhrkamp erschien.

Günther Grass nahm den jungen Kollegen bei sich auf, als Berliner Stipendiat zog er 1983 in die Villa Massimo ein. Seine nächsten Veröffentlichungen ließen ahnen, dass er an einem Opus Magnum arbeitete, das auf den Spuren seiner Vorbilder James Joyce und Arno Schmidt ein phantastisches Panorama seiner inneren Fluchtwelten verhieß. Bruchstücke erschienen in Pressedrucken, wie „Gelächter“ (1987), „Franz Löwenhertz“ (1987) und „Inventar der Irrtümer“ (1988). Sie machten ihre Leser vertraut mit der Hauptfigur Bennie Cero, mit realen, irrealen und surrealen Schauplätzen zwischen Lychener Straße und Schönhauser Allee und nicht zuletzt mit der Poetologie des Autors: „Einzig was in der Phantasie existiert, existiert tatsächlich – lebt, einzigartig, universal...unsterblich.“

Das zielte weit hinaus über konventionelle Formen des Erzählens wie den Romanen oder Tagebüchern selbst in der Art von Adolf Endlers „Tarzan am Prenzlauer Berg“, mit dem es sonst manche Gemeinsamkeit gibt. Auch Endler hat übrigens ein Opus Magnum in Aussicht gestellt („Nebbich“), dessen Ankündigungen Frank-Wolf Matthies in seinem „Tagebuch Fortunes“ ironisiert hat: mit der fiktiven Verlagsangabe Mitteldeutscher Verlag Halle 1994. Das war 1983. Inzwischen hat der Jüngere den Älteren im Wettlauf um das Monumentalwerk überholt – aber ohne einzuholen? Seine „Aeneis“ liegt jetzt jedenfalls vor, wort-, phantasie- und anspielungsreich wie schon im „Tagebuch-Fortunes“ verheißen: „Kann man Roman nennen, was wir machen? Es ist etwas anderes, wir schreiben keine Romane mehr. Ich spreche nicht gern davon, aber es ist eine imaginäre Arbeit der reinen Einbildungskraft...Natürlich spielt die Erinnerung mit, aber es handelt sich um Einbildungskraft, um deren Versuch, dem Durcheinander zu entkommen.“

Matthies hat diesen Versuch auch ganz wörtlich unternommen, was seiner Riesenarbeit vielleicht den Zeitvorteil gebracht hat: Er hat sich 1994 nach Friedrichsthal an der Oder zurückgezogen, wie einst Arno Schmidt nach Bargfeld, während Adolf Endler weiter als Inspirator und Kommentator im Durcheinander des Prenzlauer Bergs wirkt. Das hat – für Matthies – Vorteile und Nachteile; den Vorteil größerer Konzentration, den Nachteil der Entfernung vom Gegenstand. Mancher Witz, manche Pointe und mancher Kalauer – zum Beispiel einer, der auf Heinz Kahlau zielt – ist seit seiner Niederschrift in den letzten zehn Jahren nicht mehr recht aktuell. Muß man Volker Braun noch als „Follower Brown, an Kröten erstickt“ verhöhnen, Lutz Rathenow als „Dichter Rattenews über seiner letzten Kurzprosa“ veralbern, Bernd Jentzsch gar ins „Schreber-Land“ versetzen, um alte Rechnungen zu begleichen, die noch auf Mark der DDR lauten? Und dann noch eins draufsetzen: „Der Leser späterer Zeiten verzeihe, dass ich ihn von Leuten unterhalte, die er nicht kennt?“ Das könnte auch auf den Autor zurückfallen.

Gewiß schlägt er noch hübsche Funken aus den patiniertesten Begriffen der DDR-Nostalgie, etwa: „Sie brannte vor Neugierde wie ein unbeaufsichtigter Goldbroiler.“ Oder: „Das Herz des Gouverneurs war leer wie die Rede an den nationalen Feiertagen oder die Proklamationen der Opposition.“

Aber über weite Strecken siegt die boshafte Erinnerung eben doch über die reine Einbildungskraft, die von einer „Aeneis“ als kaum verhüllte Paraphrase auf den „Ulysses“ verlangt werden kann. Kein großer innerer Monolog trägt dieses Epos vom Prenzlauer Zauberberg: es sind eher die kleinen Slapsticks und eingeschobenen Märchenstücke, die den Leser gewinnen. Ob das ausreicht, dem Verfasser den erhofften Ehrenplatz auf dem Prominentenfriedhof Chausseestraße zu verschaffen – „ins madige Gestade gebettet zwischen Kurt Schwitters, Céline, Joyce und Endler, bestiebt von Murphy’s Asche“ – muß hier nicht entschieden werden. Mit diesem Werk ist der heute 45jährige Autor jedenfalls längst nicht über den Prenzlauer Berg.

Hannes Schwenger Der Tagesspiegel 27.4.97

 

FRANK WOLF MATTHIES OMERUS VOLKMUND

Diese Erzählungen übertragen (und wir unterscheiden ja durchaus begründet des weiteren zwischen Übersetzen und Nachdichten) gesellschaftliche Zusammenhänge in ihre ungeselligen, polarem Erbe entsprechenden Effekte: inerseits die offizielle Vermengung und demgegenüber jenes Ich, das, vom sich angeeigneten Bilde ausgelöscht, meint, in Ehren sich Wehren, sei der Text und aus dieser angenommenen Identität schreibe sich Geschichte.

Aber selbstverständlich ist es so, daß der Text sich schreibt und die einzigen, die dies nicht wahrhaben wollen sind die Namen, die ihn erleben. Daher einst die Spannung von Literatur, diese ungeheuerliche Nähe und Ferne zugleich.

Frank-Wolf Matthies hat Zeit, weil er Texte schreibt, die sich nicht auf das Phänomen als solches stürzen, um in ihm verloren zu gehn.

(aus dem Galrev Katalog)

 

„Das habt ihr mit mir gemacht“

„Omerus Volkmund“ von FRANK-WOLF MATTHIES

Dreizehn Jahre hat es gedauert, ehe Frank-Wolf Matthies in der Lage war, einen Schlußstrich unter einen Lebensabschnitt, geprägt von literarischem Widerstand in der DDR, Veröffentlichungsverbot, Beschlagnahmung aller Manuskripte durch die Stasi, Übersiedlung in den Westen und nicht zuletzt von dem durch die Wiedervereinigung vereitelten Versuch der Abschottung und des Vergessens. Mit diesem Buch nun macht er reinen Tisch. Bewußt wählte Matthies die Prosaform, erscheint ihm doch Lyrik, da oft zu verschwommen und unkar, als nicht verständlich genug. Hier geht es nicht um literarische Spielerei, er will sich verstanden wissen, in brutaler Deutlichkeit zeigen: „das habt ihr mit mir gemacht“. Durch alle fünf Geschichten des Bandes zieht sich wie ein roter Faden die Abrechnung – bitterböse, sarkastisch. Besonders auffällig ist dies im Titeltext „Omerus Volkmund“. Matthies beschreibt hier die „Herstellung einer sozialistischen Literatur“, gesteuert durch Partei und „Chefideologien“, bei der Autoren und Texte austauschbar werden. „Erik Görlich“ oder das „Neutsch“, sei das nicht wechselbar ohne Wehen? „… einen Darsteller für das „Neutsch“ zu finden, hat meines Wissens dann doch noch geringere Mühe bereitet… in deutschen Landen, wo ohnehin jeder zweite ein Polizist in Wartestellung ist…“ Das ist kraß. Die Schärfe des Textes erinnert an Bernhards Auseinandersetzung mit seiner Heimatstadt Salzburg.

Voller Zorn steckt auch die Erzählung „Über das Verschwinden – Person und Werk Henri Goldmanns“. Hier prügelt Matthies hemmungslos, und wohl oft zu recht, auf die „aasgeierähnliche Berichterstattung“ der Presse ein. In aller Zuspitzung greift er das weitverbreitete Prinzip der Reduzierung auf die Schlagzeile, der Unterordnung aller sachlichen Belange unter die Verkaufszahlen an. „Sie kommentieren nicht die Bewegung des Pöbels, sondern der Pöbel bewegt sich nach ihren Kommentaren.“ Leider enthält sich Matthies jeglicher Differenzierung, disqualifiziert durchaus zutreffende Feststellungen durch einen wüsten Rundumschlag.

Man liest dieses Buch mit Nachdenklichkeit und Wut. Was bleibt, ist die Erkenntnis der eigenen Hilflosigkeit und ein bitterer Geschmack auf der Zunge.

Christian Scherfling Neues Deutschland

 


 www.frankwolfmatthies.de