Willkommen auf der Homepage von Frank-Wolf Matthies

 

 

Fortunes Straßenbahnode

Welch ein ungewohnt grandioser Anblick,
Du Mann in grauschwarzer Uniform,
Von schlichter Bedeutung,
Mit grünen Kragenspiegeln,
Mit blanken Messingknöpfen,
Mit altmodischer Schirmmütze,
Wie seit Anbeginn in täglichem Gebrauch,
Mann, der du mich zur Mittagsstunde
Am Rande des gewaltigen Mainstreams ansprichst, welcher
Unbeeinflusst breit durch die Ewigkeit strömt,
Schmutzig, wirbelnd, strudelnd,
Jederzeit bereit über die Ufer zu treten
Jederzeit bereit alles mit sich zu reißen:

Erinnerst Dich wohl nicht mehr an mich!
Mein ratloser Blick scheint ihm als Antwort genug.
Als Du noch klein warst habe ich Dich öfter daran erinnern müssen,
Dass Du noch keinen Fahrschein gelöst hast.
Und schon, bin ich augenblicklich dieses Kind
Das ich als Kind war, jenes Kind,
Das ich heute auf den wenigen Fotografien
Aus dem Nachlass meiner Mutter
Nicht wiedererkenne. Zwischen den Mänteln
Der vielen Erwachsenen in der Mitte
Des 2ten Wagens der 49 Richtung Kirche.
Auf dem Perron stehen rauchend Leute,
Schweigend ins Gespräch vertieft,
Vom Frühling umweht.
Sobald die Bahn sich der Haltestelle nähert
Werden sie abspringen,
Vielleicht noch zwei, drei Meter nebenher laufen
Und dann ihrer Wege gehen.

Aber, frage ich zurück, wie haben Sie mich denn erkannt,
Das liegt doch wenigstens sechzig Jahre zurück,
Füge ich nach kurzem Nachrechnen hinzu.
Sie können doch gar nicht mehr leben.

Der Mann drückt auf die Tasten der Schaffnertasche vor seiner Brust,
Dass es mehrmals klickert, als kämen tatsächlich Münzen heraus.
Schnellwechsler, Stempel, Fahrscheinhalter, Ticketzange, Schirmmütze
Lackschirm: Carl Halfar Mützenfabrik Berlin N 20 Prinzenallee 74 …
Nicht einmal die ausgetretenen schwarzen Knöchelschuhe fehlen - alles da.

Wer lebt schon. Wer stirbt schon.
Doch nun erinnerst auch Du Dich.
Fahr ein paar Stationen mit.
Du kommst noch früh genug an Dein Ziel …
1 Erwachsener ohne Kind.
Macht 20 Pfennig.
Du bist schließlich kein Kind mehr.
Wer außer mir wird Dir überhaupt glauben,
Wenn Du behauptest, einst Kind gewesen zu sein.
Was garantiert Dir, dass Du Dir dies nicht nur ausgedacht hast,
So wie Du Dir einst wünschtest Ritter zu sein, Zauberer, oder Bankräuber …
Niemand außer mir erinnert sich, mich aber nimmt niemand unter Eid.

Tatsächlich sieht es in dem Wagen aus, wie es tatsächlich
In meiner Kindheit dort aussah. Auf jene Art
Schlicht, solide und komfortabel,
Die man heute herablassend flott
Schäbig, altmodisch oder out nennt.
Der Riemen, an dem der Schaffner zieht um das Abfahrtsignal zu geben,
Hängt durch den Wagen.
Lederschlaufen zum Festhalten
Für die Stehenden, baumeln über den Köpfen
Der Sitzenden, Holzbänke, Bänke mit Lederpolstern,
Fenster, die im Sommer heruntergezogen werden,
Abfallbehälter unterhalb dieser Fenster,
Eine liegengelassene Morgenzeitung …

Vor der großen Kreuzung Kirche muss der Schaffner kondolieren
Mit der eisernen Spezialstange die Weiche so stellen
Dass die Bahn geradeaus
Richtung „Nordend“ fahren kann.
Depot Nordend … Straßenbahnendbahnhof Nordend.
Njördend … Sudicka … Buchis … Bucchero … schwarze Scherben … Schlacke
Asphalt … Teer … Asphalt
Weich im Sommer und Blasen blähend …
Asphalt im Winter spröde stumpf und rissig. Risse
In denen im Frühjahr der schmelzende Schnee verschwindet …
Staub und Asphalt und Blasen und Risse
Darüber dieser unbeschreibbare Geruch des  Ganzen …

Norden, immer noch Norden, auch Rosenthal bedeutet Norden,
Nach Rosenthal rollt im Gleisbett die 22, Norden, seltener,
Stadtrand auch hier, viel Grün auch hier, wunderbares Grün,
O Du Grün meiner Kindheit!

In Buchholz aber endet und wendet die 49,
Nachdem sie lange durch unbebautes Land
Gen Osten fuhr, gen Ost, gen Ost, gen Ost …
Nichts als Schlacke, Sand, Gärten, Wildnis … Weltrand.

Buchholz bedeutet Buchholz,
Buchholz bedeutet Dorf, ein Dorf
In dem die Straßenbahn endet.
Rosenthal bedeutet Rosenthal,
Rosenthal bedeutet Vorort, ein Vorort
Mit festen Straßen, vielen Bäumen,
Mietshäusern in ruhiger Lage und Wohnungen
Mit Bad, gepflegten Treppenhäusern,
Grün vor den Häusern,
Bessere Gegend.

Nordend bedeutet nichts als Nordend.
Das Ende der bekannten Welt. Stadtrand.
Hier beginnt das Unbekannte …
Wer weiter will muss den 7er Doppelstockbus nehmen …
Kinder unter 6 Jahren nur in Begleitung Erwachsener!

O Straßenbahn! Dein Mehr ist das Wenige
Der Asphaltfluss ins Asphaltmehr.
Unbeirrt ziehst Du Deine Bahn,
Bahn für Bahn, tagein tagaus, mit stolzem Blick
Überblickt der Kapitän die Vergangenheit, die vor ihm liegt,
Staubig, regennass, schneegrau … Platz da! Scheint sein Blick zu rufen.
Aus dem Weg all ihr vermessenen Selbstmörder! Hier naht die Gegenwart!
Die Elite der Menschheit, auf dem Weg ins Büro!
Die Sieger der Geschichte unterwegs in die Planerfüllung!
Die Sieger der Geschichte auf dem Weg in die Zukunft!
Es lebe der Fahrplan für den Fünf-Jahr-Plan!
O Straßenbahn! Spartakus Express!
O Straßenbahn! Unbeirrt durch das Treibeis der Großstadt
Bahnst Du Dir Deinen Weg
Wieder und wieder die Passage ins Innere all dieser Unruhe
Zu entdecken! Der Seeweg als Sehweg,
eine Landschaft voller Sehwege,
Die müden Passagiere zu erwecken.
Drum Obacht, drum Augen auf, jeder Anblick ist einzigartig!
Vergebens. Die Passagiere schlafen den ewigen Schlaf.
Die Fahrgäste sind unkündbare Logiergäste auf dem Traumschiff Schicksal.

Aus dem Weg Du Kind mit der Brottasche!
Zurück ans sichere Ufer! Zurück auf den Gehweg!
O Ihr Götter! Wo seid ihr? Schlaft Ihr gar in den Wonnebetten
Des Müßigganges, zur besten Tagesstunde?!
Wo sind die Hüter dieses Erdenwürmchens?
Wo ist der Schutzmann, der sie am Schlafittchen nimmt,
Der sie beutelt und schüttelt, bis ihnen der Verstand wieder zum Vorschein kommt!!!

Belle! Brülle! Lärme, Du meine herzallerliebste Glocke!
Gellend wie die Glocke des Richters des Jüngsten Gerichts!
Platz da! Platz da!
Hier rast der Alltag!
Hier kommandiert der Fahrplan! Unerbittlich sein Ruf
Keine Zeit! Keine Zeit! Keine Zeit!
Hier steuert der Kapitän höchstselbst, einsam wie alle großen Entdecker
Des Alltäglichen. Einsam wie alle Kapitäne,
Deren Blicke nur eine Richtung kennen: Voraus!
Thule … Vineta … Atlantis …

Flüchtig gewahrt das Auge die Heroen
Mit ihren weißen Mützen
Auf dem obersten Stockwerk ihrer Leuchttürme
Im Zentrum der großen Verkehrsknotenpunkte
Herrisch die Richtung weisend
Und zugleich elegant
Galant wie die Herren in den eleganten Anzügen
In den zeitlosen Hochglanzmagazinen der Saison.
Jede Geste ihrer Gesten gebieterisch und ohne Kenntnis
Der Möglichkeit ihnen zu widersprechen.

O ihr Halbgötter! Adieu! Adieu!
Andere werden den Weg weisen
Durch das Universum, wenn die Bahn der Sterblichen erneut
Ihre Vertreter an euren Tempeln vorbei ziehen lässt.
Vorbei, vorbei, vorbei!

Noch jemand ohne Fahrschein! Die Stimme gellt
Durch jeden noch so schmalen Spalt. Wehe dem,
Der sich schwerhörig oder ahnungslos stellt!
Wehe dem! Die Strafe folgt dem Rufe.
Schlimmer noch die entsetzliche Einsamkeit, die gähnende Leere,
Das eisige Schweigen, all diese Zurückstoßungen
Die den Schwarzfahrer augenblicklich und erbarmungslos treffen.
Wehe dem den die Gerechtigkeit mit Wucht aus dem fahrenden Zug
Stoßen wird …
Da liegt er dann, hingeschlagen im wirbelnd rauschenden Fahrwasser,
Ringsum Asphalt, staubig von den Wagen der Kohlenhändler,
Staubig von den Fahrzeugen der Müllkastenleerer,
Staubig von den Resten des Sommers,
Zertreten von den Hufen der Pferde,
Bedeckt von den Äpfeln des Pegasus,
Dem Unrat des Winters …
Der Fahrtlärm verklingend hinter dem Horizont.
Die Zahlen 49 … 46 … 22 verblassend,
Rasch wie die Lottozahlen am Samstagabend,
Rasch wie die Erinnerung an die flüchtige Berührung
Im Unsterblichkeitsbahnhof Alexanderplatz
Zur Hauptverkehrszeit am frühen Abend
Wenn sich die Bürogebäude der Innenstadt leeren
Wenn sich die Fabriketagen leeren
Wenn sich die Werkstätten leeren
Wenn die Menschenbecken auslaufen
Wie auf ein geheimes Signal hin
Und die Zugänge zu den Zügen in die Außenbezirke
Daran zu erkennen sind, dass sie nicht zu sehen sind,
Sosehr verdeckt sie dieser Strom,
Der strömt und strömt und strömt
Als kenne er weder Anfang noch Ende
Und den doch niemand voraussehen wird
Und den doch niemand erinnern wird
Der nicht selbst schon von ihm mitgerissen wurde
Oder doch zumindest an seinen Ufern stehend
Zugleich Augenzeuge und in Gefahr,
Hineingezogen und mitgerissen zu werden.

Kurz stoppt der Beherrscher dieses unbeirrbaren Schiffes
An einem dieser von gewissenhaften Ingenieuren bestimmten Haltepunkte,
Der Blick des Fahrgastes sieht direkt auf den Imbisskiosk
Zwischen den Häusern hinter dem Trottoir,
Diesem Bürgersteig in einer Welt ohne Bürger,
Und begegnet für einen Augenblick dem jungen Aristokraten,
Der in diesem Moment zwei 10-Pfennig-Münzen auf den kleinen weißen Teller legt,
Eine Münze für die Brühe, eine Münze als Trinkgeld,
So dass er den Rest seines Weges zu Fuß zurücklegen muss...

Da aber gellt bereits die Glocke des Steuermannes … des Fährmannes …
Dieses Charon eines gewaltigen Fahrzeugs auf diesem großen,
Diesem schluchtenreichen, diesem gefahrvollen, diesem rätselhaften
Gewässer voller Untiefen, voller Ungeheuer, voller Geisterschiffe,
Voller unbekannter Inseln und unentdeckter Kontinente …
Mit plötzlich auftauchenden Ufern, an welchem
Hinter harmlos anzusehenden Bäumen zum Äußersten Entschlossene kauern …
Voller unvermittelt auftauchender Leiber, aufgedunsen,
Mit den entsetzlichen Spuren grausamer Misshandlungen …
Kisten, Bretter, Trümmer die auf Katastrophen schließen lassen…
Diesem unbegreiflichen Styx, neuen, ewigen Ufern entgegen …

Gewissenhaft überreichen die zugestiegenen Fahrgäste ihren Obolus,
Bereitgehalten, sich der Bedeutung ihres Tuns sichtlich bewusst.
Während die, die diesen Halt nutzten, um eilig wie blinde Passagiere von Bord zu gehen,
Von nun an gehend ihren in Wahrheit höchst ungewissen letzten Weg gehen werden.

Halt ein großer Wagenlenker! Wenn nun die Welt doch nicht so groß ist
Wie die Großen glauben? Wenn der Rand der Welt näher als man denkt?
Was, o großer Wagenführer, was dann?
Wirst Du diese gewaltige Bewegung zum Stehen bringen können?
Rechtzeitig, bevor wir alle hinabstürzen in dieses … in dieses … in dieses …
O ihr Götter, Du, der Du selbst einer bist, wie soll ich es nennen?

Reglos und wachsam liegt Kerberos auf dem Plafond,
Sein Herr mit funkelndem Blick ruft herrisch Zurück!
Und aufs Neue, gezogen an den Drähten
Des unbekannten Marionettenspielers,
Reißt der mächtige Strom die ganze Gesellschaft
Der Kleingartenkolonie „Perfekte Zukunft“ entgegen.
Rechts und links auf den Uferstreifen Passanten winkend
In riesige Stofftaschentücher schnäuzend
Wie von Abschiedsschmerz geschüttelt
Wie von Wehmut überwältigt
Starr von Trauer überwältigt
Starr, überwältigt, gelähmt …
Geschüttelt, geschüttelt, geschüttelt …

Die Wutschreie der Harpyien sobald die Richtung sich ändert …
Sobald die Winde sich drehen …

Die funkensprühende Empörung der Chimära
Sobald der Fährmann seiner Bestimmung zu halten gehorcht …
Zu halten in einer Welt vermessen von den Werkzeugen der Zeit,
Eingeteilt in Stunden in Minuten,
In Tage und Nächte, in Vormittage und Nachmittage,
In Frühschicht und Spätschicht, in Arbeitstage und Sonntage …
Empörung, Empörung, Empörung …
Tönt die Wut aus den Kehlen des Gesindels der Götter,
Aus dem Weg! Aus dem Weg! Aus dem Weg!
Scharf schrillen die Kurven des Euklid …
Im Knielauf folgen die Boreaden...
Schneller, schneller, schneller!
Gelt der Schrei im Traum des Hirten auch hier.

O Hyperborea! Nichts als Winde, Schluchten, Shoppingcenter …
O Hyperborea! Der fade Wind des Fortschritts, der Furz der Moderne ...
O Hyperborea! Lau weht der Luxus, schlecht riecht die Moral …
O Hyperborea! Nichts als Hohn, Hochmut und Gier ...
Auch hier! Auch hier! Auch hier!

Hier aber stehe ich.
Hier aber hält die Bahn.
Schaffner löse die Kette!
Wer aussteigen möchte möge nun aussteigen!

Ein Blick … ein letzter Blick … ein allerletzter Blick.
Adieu, Mann mit der Lackschirmmütze.
Adieu, Mann mit dem silbernen Galoppwechsler.
Adieu, Mann mit dem erstaunlichen Gedächtnis.
Adieu, Vater meines Schulfreundes Ernst.
Adieu, Mutter meiner Schulfreundin Gardy.
Adieu, vertrautes Läuten des Abfahrtssignals.
Adieu, vertrautes Anfahrgeräusch …
Adieu. Adieu. Adieu.

 

 

 

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