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Der Januarzug

In der Zeitungshandlung neben der Bahnhofsvorhalle ereignen sich tagtäglich politische Überfälle. In der gut gefüllten Bahn bemüht sich ein Bettler die betrübten Herzen der wartenden Fahrgäste aufzubrechen. Auf dem Bahnsteig durchsucht ein Mann  in einem Mantel von verschlissener Eleganz den Abfallbehälter nach Mitleid. Kein Regen regt sich auf dem klebrigen Bahnhofsvorplatz, welcher auch schon bessere Tage gesehen hat, glaubt man der dorthin geworfenen Bemerkung des Wirtes des Ausschanks neben der Treppe zu den Fernzügen. Solche Bemerkungen wirft man gewöhnlich fort, während man eine Platte aus vermutlich falschem Marmor neben einer Kaffeemaschine blank reibt. Dir scheint mein Traum enorm. Wie fetter Qualm, deckt der Himmel die Alm. Mein Sehnen schafft die Form ...
Das Mittelmeer, geheimnislos, wie Österreich einst riesengroß, doch unverändert liebenswert, wie Wiener Charme und Eigner Herd. Ganz anders als der Ozean. Noch immer voll Gefahren. Riesenschiffe, Spaßtouristen, vollgepferchte Luxuskisten, vollgestopft mit Wohlstandsleichen, die irgendwann ihr Ziel erreichen. Das Jenseits jedoch ist ein Ort, den der Fahrplan nicht aufführt. Vielleicht kann das Heißluftgebläse neben den Waschbecken in der Bahnhofstoilette Herzen erweichen, vielleicht ist ein Heißluftgebläse in Wahrheit ein Herzluftgebläse. Vielleicht ignoriert die heutige Wirklichkeit die Fahrgäste. Vielleicht lässt sie sich von allen die Fahrkarten zeigen. Vielleicht streiken die Götter um Dankbarkeitserhöhung. Oder der Notarzt sieht keine Sinn mehr in diesen Einsätzen die nur den normalen Ablauf aufhalten ohne im Geringsten etwas zu ändern. Vielleicht. Vielleicht.
Der Bahndamm hält die Landschaft zurück, vermutlich weil sie Gefahr läuft überfahren zu werden, während sie vorbei und davon läuft. Das Draußen hat längst den Horizont erreicht. Auch der Horizont gehört zu den Reisezielen, die man nur vom Hörensagen kennt, von Leuten, die selbst nur davon reden hörten, ohne je dort gewesen zu sein und dennoch gewiss, wie der eigenen Gedanken, oder dem Ende einer Kugel, oder der Zuneigung des Kontrolleurs. Tatsächlich aber hält der Bahndamm nichts zurück, am allerwenigsten den Zug, der auf ihm unterwegs ist. Und im Gleisbett schlafen einzig die Selbstmörder, während die Gleise nicht zur Ruhe kommen. Jede Sprache ist voll von uneingelösten Versprechungen. Alle Sprachen sind letztendlich nichts als Missverständnisse mit der Absicht diese so lange missverständlich durch die Gedanken irren zu lassen bis sich jedermann an sie gewöhnt hat.
Was aber verbergen die Jalousien des Alltags in den Schaufenstern Gottes? Hoher Himmel, die Sterne enthüllt, zwischen Wolkenfetzen, verweht wie mein Heimweh. All des Nichts. All das Nichts. In den Kostümen der Einbildung. Die Seele mit Träumen verziert. Gedanken wie eine sternreiche Nacht, erleuchtend ohne zu blenden, Gedanken ohne Wirklichkeit. Ein Dichter ist zu allererst und vor allem für sich selbst Dichter, hoffend, dass ein Engel ihm zuhört, wünschend, dass ein Anderer eines Tages seinen Gedanken begegnen wird. Schriftsteller hingegen schreiben zu allererst und vor allem für ein Publikum, welches sich kaum von ihnen unterscheidet. Niemals für andere. Eine Bahn gleicht dem Dichter, ist ein Raum ohne Gewissheit. Jedermann kann sie betreten und hoffen an einen anderen Ort gebracht zu werden. Nie ist vom Drinnen zu sagen: Hier bin ich. Hier wird mein Zuhause sein. Allerhöchstens: Hier bin ich … Vielleicht werde ich dann und dann dort und dort sein … so Gott will …
Mit gestohlenen Fahrrädern bitte nur das Fahrradabteil am Ende des Zuges benutzen, desgleichen gilt auch für die einstigen Besitzer, weil dies der Bequemlichkeit angebracht scheint, dass Besitzer und Besitztum glücklich vereint. Es wird allmählich Zeit für mich abzutreten, die große Brücke zu suchen, oder aber am Ufer des breiten Flusses nach dem Fährmann zu rufen, welchem ich dann den schönen silbernen Löffel geben werde, um mich von ihm übersetzen zu lassen. Vor allem aber endlich den Endbahnhof verlassen. Der Zug endet schließlich hier und man sieht es nicht gern, wenn sich die Leute noch allzu lange in der Nähe des Bahnhofs herumdrücken. Gewiss schaut man schon her und wer weiß, irgendwann halten sie mich für ein geselliges Wesen. Also auf geht’s, die Leute reden schon. Die letzte Fähre legt ab zu jeder vollen Stunde. Und überhaupt … Sich auf Erklärungen einzulassen bringt nichts. Die Tatsachen verschweigen heißt lügen. Lebendig wie die Blume die man in eine Vase stellt.
Dezember 2020, Lissabon, in der Rua do Arco do Bandeira.

 

 

 

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